Inspektionsreise 2016

Bericht von Werner Büttner
Kolenchery, im Februar 2016

Liebe Paten, liebe Freunde,

Während ich in Vertretung von Herrn Weihmann, der von seinen Ärzten keine Reiseerlaubnis bekommen hatte, die übliche Inspektionsreise in diesem Frühjahr mache und aus dem Schnee des Abreisetages in die Wärme Südindiens fliege, beraten in Brüssel die Regierungschefs über eine Lösung der Flüchtlingskrise in Europa. Hoffentlich gibt es diese Lösung bald!

Und während ich mich gleich am Ankunftstag im Büro in Kolenchery durch die in den eigenen Heimen geführten Kassenbücher arbeite, muss ich feststellen, dass die von Deutschland überwiesenen Gelder nur knapp ausreichen, weil die Lebenshaltungskosten durch eine starke Inflation von 7 – 8% pro Jahr angestiegen sind. Dies wirkt sich nicht nur auf den Lebensmittelpreise aus, sondern betrifft ebenso auch die Höhe der Löhne unserer Mitarbeiter. Ein zusätzliches Problem kann durch die immer mal wieder ungünstigen Wechselkurse entstehen. Wir müssen diese Dinge sehr genau beobachten.

Gleich wohl wird mir bei den am nächsten Tag beginnenden Besuchen in den Kinderheimen klar, dass unsere Hilfe für die Kinder von großer Bedeutung ist. Sie äußern das durch große Dankbarkeit. In diesem Jahr bin ich in der Lage für jedes Kinderheim Sportgeräte wie Fußbälle, Springseile, Federballspiele, Volleybälle und -netze mitzubringen, weil eine uns sehr verbundene Patin in Ihrem Sportverein dafür gesammelt hat. Es ist beeindruckend und berührend zugleich, wie die Kinder mit Begeisterung von der Möglichkeit der sportlichen Betätigung Gebrauch machen und dabei ihre kleinen und hoffentlich auch die großen Sorgen vergessen können. Wenn ich dann daran denke, wie voll unsere deutschen Kinderzimmer sind und mit wie Wenigem wir hier wahre Freudensprünge auslösen können, werde ich sehr nachdenklich.

Meine Reise führt mich zunächst rund 6 Stunden in den Norden. Wir besuchen als erstes das „Bergedorfer Girls' Home“ in der Nähe von Coimbatore, eines unserer älteren Heime. Die seit vielen Jahren dort tätige Heimleiterin Charlet macht ihre Arbeit gut und betreut neben ihren eigenen 30 Mädchen auch den neuen Heimleiter im „Dieter Huseke Boys' Shelter“, der sich in die Betreuung seiner 30 Jungen noch einarbeiten muss. Auf dem großen Grundstück wachsen inzwischen einige Bananenstauden und Tapiokapflanzen, leider fehlt dort das Wasser für mehr Anpflanzungen. Ansonsten ist hier viel Platz für ambitioniertes Fußballspielen.

Früh am Morgen des nächsten Tages starten wir zur Fahrt zum „Jörn und Christa Grimm Tribal Girls' Home“. Nach 8-stündiger Fahrt durch die schmalen sehr kurvenreichen Gebirgsstraßen erwarten uns dort 50 Adivasi-Mädchen und freuen sich über das mitgebrachte Eis und die Spielgeräte. Schnell begeistern sich die Mädels für die Springseile, Bälle und Federballspiele. Auch diese Heimleiterin ist seit vielen Jahren hier tätig und betreut sehr ruhig und sicher „ihre“ Mädchen, die mitten im Spiel plötzlich ins Haus gehen, um sich mit einem Gebet auf das Abendessen vorzubereiten. Eine erstaunliche Disziplin!

Am Nachmittag dieses Tages hatte eine Gruppe von vier Mitarbeitern (vermutlich Studenten in der praktischen Ausbildung) der staatlichen Einrichtung „Social welfare“ das Heim kontrolliert und sprach uns die Anerkennung für die von uns geleistete Arbeit aus. Das war nach allen Schwierigkeiten mit den Behörden in der Vergangenheit eine schöne Geste und eine Bestätigung für unsere Mitarbeiter. Für die Zukunft wird noch mehr auf Kinderrechte geachtet werden müssen. Es sollen dann auch in Kerala sogenannte Committees mit Kindern gebildet werden und diese in bestimmte Prozesse mit einbezogen werden. Wie genau das aussehen soll, wird uns in nächster Zeit mitgeteilt werden. In Tamil Nadu greifen diese Vorgaben schon und sind in allen Heimen umgesetzt worden.

Während unserer weiteren Rundreise erreichte uns die Mitteilung aus den beiden erstgenannten Heimen, dass dort eine Kommission des „Child protection officers“, also der vorgesetzten Behörde aus Chennai eine Heimkontrolle gemacht hat. Als Ergebnis gibt es die Auflage, mindestens zwei weitere Mitarbeiter einzustellen, die natürlich erst gefunden und dann auch bezahlt werden müssen. Damit wurde uns die Freude über die bereits erteilten Betriebsgenehmigungen für alle unsere Heime in Tamil Nadu gründlich verdorben! Warum gibt es immer wieder neue Auflagen, die unseren finanziellen und personellen Rahmen stark belasten? Ich gehe darauf am Schluss noch einmal ein. Dabei entsteht bei uns der Eindruck, dass die staatlichen Heime mit einem größeren Spielraum hinsichtlich der Auflagen belegt werden. Unsere eigenen Heime haben eigentlich immer einen deutlich besseren Standard als die staatlichen Kinderheime. Warum sind also für uns die Auflagen so hoch und was können wir tun?

 

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